Auf dem Annual Leadership Meeting in Phoenix haben wir uns über Trends aus der Digitalszene informiert und mit Führungskräften globaler Plattformen interessante Gespräche geführt. Dabei ging es viel um Künstliche Intelligenz und wie Europa den Anschluss verschläft. Wir haben uns bereits intensiv mit dem US-Markt und deren KI-Technologien beschäftigt, doch ein Land haben wir dabei nicht wirklich auf dem Schirm gehabt: China.

China 2030 – Weltmarktführer im Bereich der KI?

Schneller, höher, breiter … nicht nur im Automotive-Sektor und im Bauwesen ist China längst auf der Überholspur. Holen die Chinesen nun auch im Bereich der Technologie, speziell der KI, massiv auf? Selbsteinschätzungen zufolge will China 2030 das führende Land in Künstlicher Intelligenz sein und damit die USA überholen. Die Regierung pumpt Milliarden in die Tech-Industrie und dies bildet sich auch in der Vielzahl von neuen Start-Ups in China ab. Oftmals wird China bereits als das schnellere Silicon Valley bezeichnet.

Aber auch die Bevölkerung zieht mit, denn über 800 Mio. Chinesen sind bereits mit dem Internet verbunden. Die Chinesen zählen zudem als außerordentlich technologiebegeistert, weshalb in kaum einem anderen Land die KI so gut angenommen wird wie in China.

Die Chinesen haben Lust auf Veränderungen, sind begeistert von Technologie und lieben das Risiko. Die perfekte Ausgangslage für Gründer und Gründerinnen, welche in China auf Investoren mit Koffern voller Geld treffen. Auch Kai-Fu Lee fördert junge chinesische Technologieunternehmen – und kennt sich mit KI aus wie fast kein anderer.

Kai-Fu Lee – der Experte für KI

Der Chinese Kai-Fu Lee wurde 1961 geboren und ist Technologieexperte, Schriftsteller und Experte für Künstliche Intelligenz. Er ist einer der bekanntesten Vertreter der chinesischen Internetbranche und arbeitete bereits für Apple, Microsoft und Google. Für Google baute er als Präsident das Geschäft in China auf.

Heute leitet er Sinovation Ventures, eine Wagniskapitalgesellschaft, die auf der Suche nach den nächsten erfolgreichen Start-Ups mit den größten und neusten Ideen ist. Bereits 15 Unicorns wurden hier bereits großgezogen. Als Unicorns werden Jungunternehmen bezeichnet, die bereits über eine Milliarde US-Dollar wert sind, aber noch nicht an der Börse gehandelt werden. Fünf davon befassen sich mit KI.

2018 veröffentlichte Lee sein Buch „AI Superpowers: China, Silicon Valley, and the New World Order“. In diesem beschreibt er seine Erfahrungen mit KI und enthüllt, dass China die USA im schnellen Tempo einholen wird.

„KI wird bahnbrechender als die Erfindung der Elektrizität“

– Mit diesem Zitat will er den revolutionierenden Effekt der KI zum Ausdruck bringen. Lee ist der Meinung, dass KI in jeder Industrie einziehen wird – und das schneller als erwartet.

Der KI-Krieg zwischen den USA und China

Derzeit hat die USA im Bereich der KI noch die Nase vorn. Lee ist der Meinung, dass die USA stark im Bereich der Forschung und Innovation sind. China hingegen beschäftigt sich intensiv mit der praktischen Umsetzung von KI und deren Monetarisierung.

Aber die chinesische Regierung zieht auch nicht vor harten Maßnahmen zurück. Denn schon vor Jahren wurde bspw. das amerikanische Unternehmen Facebook einfach aus dem Land ausgesperrt. Vielmehr wird in chinesische Dienste investiert. Beispielsweise in WeChat. Diese Plattform ähnelt Facebook und WhatsApp, hat im Grunde aber noch eine Vielzahl von weiteren Funktionen. Z.B. können User über WeChat bezahlen, ihre Telefon- oder Stromrechnungen überprüfen, Flugtickets kaufen oder Essen bestellen. Dies läuft so gut, da die Chinesen, wie eingangs bereits erwähnt, enorm gierig auf digitale Services sind.

Auch wenn die Chinesen häufig als „Nachahmer“ gelten, im Bereich der KI sind sie in ein paar Jahren vielleicht schon Vorreiter. Es bleibt weiterhin ein starkes Kopf-an-Kopf-Rennen der zwei Supermächte.

Was wird mit der KI in Europa?

Der Chinese Kai-Fu Lee warnt davor, dass Europa die Chancen zur Entwicklung der KI verpasst. Das Hauptproblem darin liege, laut Lee, an den Datenschutzbestimmungen. Für KI-Unternehmen ist es eine enorme Last die Vielzahl von gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten.

Aber auch die Personalwirtschaft spielt eine große Rolle. Deutschland bietet herausragende Forschungsinstitute und Universitäten, doch am Ende gehen die ausgebildeten Experten nach China oder in die USA.

Während wir in Europa also noch an Strategien und Gesetzen arbeiten, rennen uns USA und China davon. Wenn wir nicht bald den Anschluss finden, bleiben wir am Ende abgeschlagen auf dem dritten Platz. Vielleicht sollten wir Europäer zukünftig einen Blick in Lee’s Buch „AI Superpowers“ werfen und uns so Anregungen zum „Machen“ holen.